«Man kann die Energiewende nur gemeinsam schaffen»
Vor seinem Abgang bei der NetZulg AG sagt Rolf Schröter, wo die Herausforderungen für kleine und mittlere Energieversorger sind. Und warum Alleingänge aussichtslos sind.
Der Wärmeabsatz, der 2020 noch bei 5,6 Gigawattstunden (GWh) lag, hat sich bis Ende 2025 auf 25,9 GWh mehr als vervierfacht. Doch das Geschäft ist kein Selbstläufer: «Wir befinden uns hier im Wettbewerb mit Wärmepumpen, Holz oder Gas», sagt Schröter. «Wer da mit den Preisen nicht mithalten kann, hat es schwer.» Deshalb die Gräben im Dorf. Nachdem die Hauptleitungen gebaut sind, geht es nun darum, Quartiere und Liegenschaften zu erschliessen. «Wir wollen möglichst viele Anschlüsse pro Meter Leitungstrasse realisieren», sagt Schröter. Allein 2024 investierte das Unternehmen mit seinen aktuell 48 Mitarbeitenden dafür rund 5,9 Millionen Franken.
Das Netz wurde noch einmal um 2,5 Kilometer erweitert; bis dato umfasst es rund 12 Kilometer. Rund 130 Liegenschaften beziehen bis dato ihre Wärme via NetZulg von der Fernwärme Thun AG, in welcher die Avag als Hauptaktionärin sowie die Energie Thun AG und die NetZulg AG zusammengeschlossen sind. Um so weit zu kommen – und weiterhin jährlich gut 20 Liegenschaften ans Netz anzuschliessen, seien die Gräben unumgänglich, sagt Schröter. «Fernwärme ist ein Projekt, für das man tief in den Boden geht. Aber die Gräben sind temporär, während die Infrastruktur darunter für Jahrzehnte bleibt.»
Die NetZulg AG wächst konstant
Nicht nur bei der Fernwärme hat sich die NetZulg AG seit dem Stellenantritt des gebürtigen Wallisers am 1. Januar 2021 entwickelt. 2020 verzeichnete das Unternehmen einen Umsatz von rund 21,25 Millionen Franken und einen Jahresgewinn von 0,82 Millionen. Bis 2024 kletterte der Umsatz auf 29,1 Millionen, der Gewinn auf 1,10 Millionen und die Bilanzsumme auf 55,5 Millionen Franken. 2025 resultierten für die NetZulg AG 27,6 Millionen Umsatz bei 0,83 Millionen Gewinn. Doch wichtiger als finanzielle Kennzahlen sei die Transformation des Geschäftsmodells, sagt Rolf Schröter: «Wir haben uns vom klassischen Versorger zum modernen Dienstleister entwickelt. Wir haben entscheidende Weichen gestellt, um auch in einer völlig veränderten Energiewelt erfolgreich zu sein.» Neue Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Heilpädagogischen Schule der Region Thun mit Solarpanelen auf Kiesbelag. Im Einzugsgebiet der NetZulg AG sind heute 515 Photovoltaik-Anlagen am Netz.Ende 2025 waren im Einzugsgebiet der NetZulg AG 515 PV-Anlagen am Netz, gepaart mit 7’050 Smartmetern. «Aus klassischen Konsumenten wurden ‹Prosumer› – Produzenten und Konsumenten, die zugleich Strom beziehen und einspeisen», sagt Schröter. Was Herausforderungen ans Netz stellt: «Wenn an einem schönen Tag alle gleichzeitig Strom einspeisen wollen, fällt nicht nur der Preis», sagt Rolf Schröter. «Dann gerät auch die Infrastruktur an ihre Belastungsgrenzen.»
Test mit Schwarmspeicher
Um dem entgegenzuwirken, hat NetZulg – die Nummer 8 der Energieversorger im Kanton Bern – das Pilotprojekt «Schwarmspeicher» gestartet. Statt riesiger Speicher sollen dezentrale Batterien in privaten Haushalten installiert werden. «Ziel ist ein Plug-and-Play-Produkt: Einstecken und fertig. Den Rest steuern wir im Hintergrund», sagt Schröter. Die NetZulg AG möchte mehr solche Hausspeicher installieren, um Schwankungen bei Produktion und Verbrauch von Strom aufzufangen. So soll überschüssige Energie dezentral gespeichert werden, um sie dann zeitverzögert ins Netz einzuspeisen, wenn die Nachfrage nach Strom steigt oder das Angebot zurückgeht. Mit dem Pilotprojekt will die NetZulg AG Erfahrungen sammeln und nicht zuletzt Tarife definieren, zu denen die Haushalte entschädigt werden, die einen Speicher in die Wohnung stellen.
Rolf Schröter ist überzeugt: «Man kann die Energiewende nur gemeinsam schaffen, nicht als einzelner Player.» Deshalb setzte das Unternehmen unter seiner Ägide auf Partnerschaften. Gewisse Pikett-Dienste werden etwa in Zusammenarbeit mit der KVA-Betreiberin Avag abgedeckt, «weil dort ohnehin ein 24-Stunden-Betrieb aufrechterhalten werden muss», erklärt Schröter.
Herausforderungen bei der Energiewende
Ebenfalls seit längerem etabliert ist die Zusammenarbeit mit der Waret AG. Diesen Zusammenschluss für die Wasserversorgung in der Region Thun haben die Energie Thun AG mit der Stadt Thun als grösster Aktionärin, die NetZulg AG, die Wasserversorgung Gemeindeverband Blattenheid sowie die Einwohnergemeinden Heimberg und Hilterfingen gegründet – nicht zuletzt auf Initiative von Schröters Vorgänger Anton Pieren. «Der Zusammenschluss hat sich gerade in diesem heissen und trockenen Sommer bewährt», sagt Rolf Schröter. Während andere Gemeinden den Wasserbezug einschränken mussten, blieben die Waret-Gemeinden verschont. «Dank dem grossen Einzugs- und Verteilgebiet hatten wir immer genug Wasser», blickt Schröter zurück.
Dienstleisten statt nur Versorgen, technologischer Wandel, ein Klima, das sich verändert: Das sind nicht die einzigen Herausforderungen, die Schröter für seinen Nachfolger Samuel Pfaffen (40) sieht. «Der Fachkräftemangel hat sich akzentuiert», sagt Schröter, «da werden neue Wege zur Rekrutierung gefragt sein.» Und auch im Cyberspace ortet Schröter Handlungsbedarf. Selbst wenn die Daten der NetZulg AG mittlerweile beim regionalen Cloud-Anbieter Asova ausgelagert sind, ist für Schröter klar: «Hundertprozentige Sicherheit gibt es in diesem Bereich nicht, das muss man akzeptieren.» Wobei der vielschichtige Wandel der Branche an sich für den abtretenden Chef der NetZulg AG nicht die grösste Herausforderung ist, die auf das Unternehmen zukommt. «Es ist die Geschwindigkeit der Veränderung», sagt er. Ein Thema, mit dem er sich künftig im Aargau auseinandersetzt – als CEO des Energiedienstleisters Eniwa. Just jenes Unternehmen übrigens, von welchem Schröters Nachfolger Samuel Pfaffen zur NetZulg stösst.




